Das Untersuchungsgebiet Erdalen liegt ca. 400 km südwestlich von Trondheim. Am Freitag haben wir den Leihwagen mit dem Material für die Geländearbeit vollgepackt und dann kam noch das ganze normale Gepäck dazu. Da Chris, der andere Praktikant so ein Mädchen war und ungefähr dreimal so viel Gepäck dabei hatte wie ich, hatte ich auf der Rückbank nicht gerade viel Platz und musste immer aufpassen, dass ich nicht von irgendwelchen Probenflaschen oder ähnlichem erschlagen werde. Bei der Hälfte der Strecke haben wir dann noch den Einkaufstopp eingelegt und die nächsten 200 km war ich noch zusätzlich umgeben von Einkaufstüten und hatte ein 6-Pack Bier aufm Schoß.
Die Ferienhütte in der wir gehaust haben hatte alles was das Touristenherz benötigt: Waschmaschine, Sauna, Spülmaschine, Kachelofen, Fußballplatz und Beachvolleyballfeld nebenan, sowie Strand und See, tollen Ausblick auf Berge, WLAN und alle wichtigen deutschen Fernsehprogramme. Ich hab zum ersten Mal ne komplette Tatortfolge gesehen und seit 10 Jahren wieder ca. ne halbe Stunde Wetten dass. Trotz meiner anfänglichen Weigerung zu kochen, hab ich es dann doch jeden Abend gemacht, weil mein eigentlich fleischliebender „Chef“ (Achim) doch ziemlich leicht zufrieden zu stellen ist. Solange es Auflauf mit viel Käse gibt, kann er auch mal ne Woche auf Fleisch verzichten. Nach einer Woche meinte er auch, dass ich sehr gut kochen kann und das es wirklich viele leckere vegetarische Gerichte gibt. :-)
Am ersten Tag durfte ich bei der Geländearbeit noch Touri sein und Fotos machen und mir erstmals das Gelände ansehen. Da ich als altes Deichkind eigentlich jegliche Art von Erhebung in der Landschaft hasse, war der Aufstieg in das Obere Erdalen über einen echt steilen, steinigen Weg – wobei man das gar nicht Weg nennen kann, allerhöchsten Trampelpfad- am ersten Tag noch sehr beschwerlich. Am Tag zuvor hatte es auch noch kräftig geregnet und die Steine waren so richtig schön rutschig. Aber das obere Tal ist ein Traumtal für jeden Geomorphologen (siehe Fotos). Dann ging’s gleich los mit Proben nehmen und die ersten Steine runterschleppen. Achim, der diese Strecke mehrmals im Jahr geht, war natürlich schon 3 km vorausgerannt und ich und Chris haben uns ganz vorsichtig auf diesen glitschigen Steinen vorangetastet. Aber trotzdem bin ich einmal etwas gerutscht und dann ist Chris direkt vor mir aufn Hintern gefallen und da dachte mir, warum auf den glitschigen Steinen laufen und nicht am Rand wo etwas Vegetation und Boden ist? Tja, keine so gute Idee. Denn nach drei Schritten sank ich plötzlich nur noch immer immer weiter und stecke bis zum Oberschenkel im Moor-Matsch. Ich konnte mich natürlich nicht halten vor Lachen. Der erste Tag und ich versinke im Moor. Chris eilte mir zu Hilfe und zog mich und die 10 kg Steine in meinem Rucksack beim zweiten Versuch ausm Matsch ohne dass mein gerade für umgerechnet 37 € erworbener Gummistiefel steckenblieben. Eine wahre Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass der Kerl gerade mal selbst 60 kg bei etwas über 1,90 m wiegt. Zurück beim Auto hat Achim zuerst nichts bemerkt, aber dann doch weil ich mein Lachen irgendwie nicht verkneifen konnte. Er fand’s natürlich auch irre lustig, weil noch nie jemand im Moor stecken geblieben ist; nur in den Fluss gefallen. Außerdem wusste er gar nicht, dass der Moor-Matsch so tief ist. Tja, mein Beitrag zur Wissenschaft... Immerhin bleibe ich ihm so in Erinnerung: die Praktikantin die leckeren Auflauf macht und im Moor stecken geblieben ist.
Am 3. Tag war ich aber so fit, dass ich nicht mehr kilometerweit von Achim abgehängt wurde, sondern sogar auch mal vor ihm hergelaufen bin. Und mein Tätigkeitsbereich hat sich dann auch jeden Tag ausgeweitet bis hin zum Spatentragen und alleine Probennehmen und Messen.
Ich hab auch lustige Anekdoten aus dem Leben eines Feldgeomorphologen gehört: Geländearbeit mit Isländern besteht zu 70% aus Steine werfen; mit Norwegern zu 70% aus Feuermachen. Finnische Ornithologen machen gerne mal auf der Schnellstraße ne Vollbremsung weil „There is a bird!“ und eine schwedische Geographieprofessorin antwortete mal auf Achims „This is a nice view“ „We are not here for the view, We are here for work“...
Aber ich durfte auch den Ausblick genießen und nen Ausflug zum Gletscher haben wir auch gemacht und ich hab mit dem Finger Festlandseuropas größten Gletscher angepiekst.
Da Chris nach 3 Tagen zurück nach Deutschland geflogen ist, musste ich dann die ganze Zeit Auto fahren. Und da ich das seit über 3 Jahren nicht mehr gemacht hatte, war es ziemlich lustig am Anfang. Vor allem meine Frage, welches der Pedale nochmals welches ist. Aber dann hab ich mich tapfer den steilen, kurvigen Sträßlein gestellt und irgendwann bin ich auch nicht mehr in Panik ausgebrochen wenn der TINE-Milchlaster oder der Bus auf einer Straße, die gerade mal breit genug für 1 Auto ist, entgegenkam.
Die Rückfahrt nach Trondheim war genauso spaßig. Zum einen da wir ca. 50 kg Steine und 30 kg Wasserproben im Auto hatten und es ziemlich steil den Pass hochging und dann auch noch Eis und Schnee auf der Straße war. Der Traum jedes Fahranfängers. Aber ich hab es geschafft und niemand umgebracht und hab dafür ein großes Stück Schokoladenkuchen von Achim spendiert bekommen. Auch wenn er einmal fast verschuldet hat, dass ich mitten in einem Dorf einen Lachkrampf bekommen habe, weil er mir von der hässlichen Trollfigur in Selbu erzählt hat, der es die Perücke weggeweht hat und sie jetzt noch hässlicher ist weil glatzköpfig. Okay, jetzt beginnt der Lachkrampf wieder aber Fazit: Geländearbeit ist lustig.
Alle Fotos gibt’s hier: http://picasaweb.google.de/psychonaut.the.tourist
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